DIE WUNSCHLISTE

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9 DINGE DIE ICH 2018 GERNE IN DER KLASSIKSZENE ERLEBEN MÖCHTE

 

Hier in Spanien ist die Bescherung am 6. Januar. Ich war mir nicht sicher, was ich auf meine Wunschliste schreiben sollte, also schrieb ich ein paar Dinge auf, von denen ich hoffe, dass die Reyes Magos 2018 darüber nachdenken würden. Mal sehen, ob ich ein guter Junge war und sie auf mich gehört haben.

 

 

1. Das öffentliche Sendeanstalten öffentlich bleiben

In seinem Haushalt 2018 hat Donald Trump schließlich einen alten republikanischen Vorschlag umgesetzt und die Finanzierung der US-amerikanischen öffentlich-rechtlichen Sender NPR und PBS auf 0 gesenkt. In den letzten Jahren gab es immer wieder Debatten über die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Viele westliche Länder haben die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks drastisch eingeschränkt oder ihn ganz beseitigt. Viele von ihnen schlossen ihre Rundfunkorchester und reduzierten ihr kulturelles Programm. Und im März 2018 werden die Schweizer ein Referendum über das Gesetz "No Billag" abhalten, bei dem alle öffentlichen Gelder für den Rundfunk gestrichen werden sollen.

Neben Nachrichten und Journalismus ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch ein wichtiges Instrument, um Kultur (und Information zu Kultur) allgemein zugänglich zu machen. Mal ganz klar gesagt: Journalismus und Kultur sind öffentliche Güter. Ihr nutzen ist nicht nur für die Leute, die für sie zahlen, sondern für alle. Ausgewogene Berichterstattung und Kultur tragen dazu bei, die Welt um uns herum zu verstehen. Sie ermöglichen den Menschen, am demokratischen Prozess teilzunehmen und kritisch und frei zu denken. Und das soll auch so bleiben.

 

2. DASS JUNGE MUSIKER BESSERE ARBEITSBEDINGUNGEN ERHALTEN

Heute erleben wir die talentierteste Generation junger Musikerr, die es je gab. Viele von ihnen sind nicht nur technisch viel besser, sondern auch musikalisch und ästhetisch viel offener und facettenreicher geworden. Die meisten von ihnen sind mit großartigen Orchester- und anderen musikalischen Erfahrungen aufgewachsen und viele haben eine natürliche Herangehensweise an zeitgenössische Musik, historische Aufführungspraxis und andere Musikstile.

 

Junge Musiker bilden hervorragende Ensembles, Gruppen und Orchester und kombinieren oft verschiedene musikalische Aktivitäten wie Komponieren, Spielen, Improvisieren oder Experimentation. Sie machen die Musikszene so viel breiter und vielfältiger als noch vor ein paar Jahren. Aber viele arbeiten oft unter schlechten Bedingungen, mit sehr niedrigen (oder gar keinen) Gagen und ohne Sicherheit, um ihre Ideen weiterzuentwickeln. In der Musikwelt (und der darstellenden Kunstszene im Allgemeinen) gibt es einen zu großen Unterschied zwischen der Arbeitsplatzsicherheit und den finanziellen Bedingungen in großen Institutionen und der absoluten Unsicherheit und dem Mangel an Finanzierung in der freien Musikszene.

 

Wir sollten diesen jungen Menschen zumindest genügend Rückhalt geben, um das Leben als Darsteller ohne eine große Vollzeitstelle möglich zu machen. Es gibt viele junge Musiker, die verschiedene musikalische Aktivitäten kombinieren wollen und es ist wichtig, dass wir sie vor allem unterstützen und ihnen flexible Verträge anbieten können. Wir brauchen ihr Talent, ihren Freigeist und ihre Aufgeschlossenheit in der klassischen Musik ebenso wie sie die Sicherheit, eigene künstlerische Ideen zu entwickeln.

 

3. DASS INTERPRETATIONEN RISIKOREICHER WERDEN.

Wir haben mehr Dokumentation als je zuvor über die Aufführungsgeschichte des klassischen Repertoires. Es gibt mehr Aufnahmen und verfügbare Quellen zur Interpretation als je zuvor. Aber was ist die Folge? Es schränkt die Bandbreite dessen ein, was als akzeptabel angesehen wird. Die Interpretationen des großen Repertoires der Vergangenheit werden immer ähnlicher. In der Tat wurden die ungewöhnlichsten Entwicklungen der klassischen Musik in den letzten Jahrzehnten von Aufnahmen und nicht-institutionellen Gruppen vorangetrieben, die Zeit hatten zu forschen, zu experimentieren und zu proben.

Wenn man in die Musikgeschichte zurückblickt und die Briefe reisender Komponisten und Interpreten liest, bekommt man eine Vorstellung von den enormen Unterschieden zwischen den Interpretationen, sei es bezüglich Länge der Aufführungen, Orchestergrößen und -layouts, lokaler Stile oder einfach nur individueller unterschiedlicher Lesearten.

Obwohl ich bis zu einem gewissen Grad auch an den musikalischen Darwinismus glaube (wie im Überleben der stärksten4 Interpretationen eines Werkes), denke ich, dass es in heutigen Aufführungen nicht genug Risiko (oder Risikomöglichkeit) gibt (und ich rede da auch über mich selbst). Im 19. und 18. Jahrhundert gab es weniger Quellen zur Aufführungsgeschichte, so dass man sich stärker auf zeitgenössische Gewohnheiten und individuelle Meinungen verließ. Heutzutage ist es umgekehrt. Es gibt endlose Aufzeichnungen, die manchmal radikal individuellen Ansätzen im Wege stehen. Aber wir schulden unserem Publikum etwas Einzigartiges, wenn sie in einen Konzertsaal gehen, also lassen Sie uns nicht davor zurückschrecken etwas Radikales und Einzigartiges zu machen, nur weil wir schlechte Reaktionen oder schlechte Kritiken bekommen könnten . Klassische Musik braucht mehr Mut und weniger Konformität.

 

4. DASS KINDER BESSERE MUSIK ZU SPIELEN UND HÖREN KRIEGEN

Vor kurzem hörte ich ein Schulorchester spielen und die Kinder waren alle reinste Energie und Engagement. Aber das Repertoire, das sie gespielt haben, war so schlecht !! Dasselbe gilt für viele Kinder- und Familienkonzerte, bei denen oft das Pokemon Thema neben einigen anderen dummen Arrangements gespielt wird.

Das ist ein Aufruf an Komponisten ebenso wie an Pädagogen, Dirigenten und Musiker: Kinder sind klein - das heißt nicht, dass sie dumm sind. Gib ihnen ein paar gute Sachen und sie werden dir viel mehr zurückgeben.

 

 

 

5. DASS ORCHESTER MEHR ÜBER ENGAGEMENT NACHDENKEN UND WENIGER ÜBER KONSERVIERUNG

Ich habe das schon früher angesprochen, aber im Hinblick auf die Forschung denke ich, dass wir viel von Museen lernen können, die ihre Sammlungen auf immer kreativere Weise zeigen müssen damit die Öffentlichkeit sich mit ihnen befasst und mit ihnen interagiert.

In meiner Arbeit als Dirigent bin ich immer noch Teil von Programmiergesprächen wie: "Wir haben diese Beethoven-Symphonie seit zwei Jahren nicht mehr gespielt, also ist es Zeit, dass wir sie wieder aufs Programm setzen." Während ich denke, dass es wichtig ist, dass Orchester das große historische Repertoire kultivieren und es für ihr Publikum am Leben erhalten, denke ich, dass diese Art des Denkens das Loch nicht tief genug bohrt. Was ist mit: Warum spielen wir ein Stück, was hat es dem Publikum zu sagen und wie können wir die Öffentlichkeit dazu bringen, sich intensiver damit auseinanderzusetzen?

Es ist nicht gut, sich nur auf historische Bedeutung oder Gewohnheit zu verlassen - wenn Musik nicht mehr zu uns spricht, ist es Zeit, die Konzertsäle zu schließen und zu anderen Formen des künstlerischen Ausdrucks überzugehen. Aber in Wirklichkeit haben uns die Klassiker heute mehr zu sagen als je zuvor - und wir sind auf ihre Stimme mehr denn je angewiesen.

 

6. DASS WIR MEHR ZIMMERMANN, VIVIER, JANACEK UND HAYDN SPIELEN

In den Konzertprogrammen sind noch viel mehr Komponisten unterrepräsentiert, aber hier mal fünf, die mir persönlich besonders am Herz liegen. Die Gründe, warum diese Komponisten zu selten auftauchen, sind verschieden. Claude Vivier schrieb nicht viel für Orchester, ebenso wie Janacek. Und Haydn wird heutzutage meist  auf Originalinstrumenten gespielt oder Kammerorchestern überlassen (wie die meiste Musik vor 1800). Die meisten Orchester spielenheuitzutage mehr Schostakowitsch als Haydn. Ich denke wir sollten dieses erstaunliche Repertoire wieder für unsere Orchester zurückgewinnen.

 

7. DASS DAS GESCHLECHT IN DER MUSIK KEINE ROLLE MEHR SPIELT

Es gibt immer noch Leute in der klassischen Musik, die mit allerlei lächerlichen Vorurteilen und Frauenfeindlichkeit daherkommen. Das richtet enormen Schaden an. Als ich Dozent für Dirigieren am Royal Northern College of Music war, hatten wir jedes Jahr mehr als hundert Bewerbungen für den Dirigierkurs, aber nie waren mehr als ein paar junge Frauen dabei. Vielleicht so um 10%.

Tatsache ist, dass kein Typ mit seinem Penis dirigiert. Die große Mehrheit von uns teilt auch diese frauenfeindlichen Ansichten nicht. Aber wir alle leiden unter den Folgen der Dinosaurier-Ansichten: Klassische Musik wird als rückwärtsgewandt, konservativ, engstirnig und ganz simpel als ein Ding der Vergangenheit wahrgenommen.

 

8. DASS WIR MEHR ÜBER DIE RÄUMLICHEN ASPEKTE DER AUFFÜHRUNGEN NACHDENKEN

Moderne Konzerthallen haben das Konzerterlebnis optimiert. Aber sie haben es auch einseitiger gemacht. Das gleiche gilt für orchestrale Layouts. Jedes Stück wird in der gleichen Anordnung gespielt die es einem Orchester leichter macht, zusammen zu spielen. Aber oft spielt diese Gleichförmigkeit im Widerspruch zu den Konzeptionen der Werke . 

Im 20. Jahrhundert haben Komponisten versucht, unterschiedliche räumliche Konfigurationen für ihre Werke zu verwenden. Manchmal sogar in direktem Zusammenhang mit den Gebäuden, in denen sie gespielt wurden (Nono- Prometeo, Boulez - Répons, Stockhausen-Gruppen usw.). Aber auch im älteren Repertoire gibt es viele räumliche Überlegungen, und realistisch gesehen gab es nie eine Standard-Orchesteranordnung.

Ein Beispiel ist der letzte Satz von Tschaikowskys 6. Sinfonie, wo der Anfang zuerst in einem Dialog zwischen ersten und zweiten Violinen (und Bratschen und Celli) erklingt und dann  bei Buchstabe G in einer geradlinigeren, lineareren Version wiederkehrt. Wenn die ersten und zweiten Violinen hintereinander sitzen, geht dieser Unterschied vollständig verloren. In der Praxis ist es leider oft unmöglich, verschiedene Stücke in verschiedenen Layouts zu spielen oder mit den räumlichen Aspekten einer Aufführung herumzuspielen.

Vor ein paar Jahren spielten wir Nielsens 5. Sinfonie mit dem Unheil verkündenden Trommler (Peter Kates) mit der Trommel um den Hals geschnallt direkt vor dem Orchester aufmarschierend. Es gibt noch viele weitere Beispiele, wie Vladimir Ashkenazis auf den Saal verteilte Kuhglocken in der "Alpensymphonie" oder Simon Rattles Inszenierung der Bach-Passionen mit Peter Sellars und den Berliner Philharmonikern. Unsere Art zu zuhören entwickelt sich mit der Zeit weiter und es gibt keinen Grund, warum wir nicht versuchen sollten, die dreidimensionalen Aspekte des Denkens eines Komponisten zu einem Teil unserer Interpretationen zu machen.

 

9.DASS WIR DEN MUT HABEN DIE WERKE ZU PROGRAMMIEREN DIE UNS WIRKLICH AM HERZEN LIEGEN

Ich denke, wir können ziemlich gut programmieren, was die unser Publikum hören möchte. Aber jeder hat jederzeit Zugang zum gesamten Repertoire - auf YouTube oder Spotify oder auf anderen Plattformen. Man kann alles lesen was man will und wie man will, alle Nachrichten, die Tweets und alle Facebook-Posts. Und weisst du was? Die Leute lesen am Ende nur noch was sie wollen und ignorieren den Rest. Wir sehen die Welt durch unseren eigenen Filter und wissen nicht einmal, was sonst noch da ist.

Also lasst uns für das Ungewöhnliche einsetzen, für das Seltsame, das Nachdenklich Stimmende, das Tiefe, das Undurchdringliche, das Andere oder das Fremde. Vielleicht für etwas wirklich Schönes, von dem noch niemand etwas gehört hat. Oder für eine andere Art, etwas Vertrautes anders zu sehen. Wenn wir für die Musik, an die wir glauben, und die Interpretation, die wir für richtig halten, wirklich einstehen, kann unsere Kunst zu einem wichtigen Werkzeug für kritisches Denken und engagiertes Zuhören werden. Es gibt genug Populismus in diesen Tagen, also lasst es uns zumindest aus den Konzerthallen heraushalten.