Von Ausländern und Inländern

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Meine persönliche Sicht zur Durchsetzungsinitiative

Vor 21 Jahren habe ich die Schweiz verlassen. Danach lebte ich 13 Jahre in England und mittlerweile 8 Jahre in Spanien, hatte feste Engagements in Kolumbien, Norwegen und Portugal und zahllose Kurzzeitverträge in anderen Ländern. Insofern habe ich zwar einen Schweizer Pass, bin aber hauptsächlich Ausländer.

Pratteln, wo ich aufgewachsen bin, ist ein Industriedorf mit traditionell hohem Ausländeranteil, und wir hatten viele italienische, portugiesische, spanische und später serbische, türkische oder tamilische Nachbarn. Heute wohne ich in Madrid in umgekehrten Verhältnissen und bin der Ausländer unter meinen spanischen Nachbarn. Meine Tochter ist eine “secondo” – in Spanien geboren, aber mit einem Schweizer Pass.

 

Schweiz/Suisse/Svizzera/Svizra

An der Schweiz schätzte ich immer die Fähigkeit, im Zusammenleben Konsens zu schaffen und pragmatisch zu denken. Diese Rationalität hat zwar auch ihre unspektakulären Seiten, aber sie hat beispielsweise zu einem Bildungssystem geführt, das einem Kind aus einem Arbeiterquartier erlaubt hat, Musik zu studieren und Dirigent zu werden. Ausserdem hat dieser Pragmatismus und gesunde Menschenverstand es ermöglicht, verschiedene Menschen und Sprachen in einen funktionierenden Staat zu integrieren und die verschiedenen Traditionen und Hintergründe zusammenzuführen.

In den letzten Jahren aber ist diese Pragmatik einer ganz un-schweizerischen  Irrationalität gewichen:  Ausländer müssen als Sündenböcke für alles und jedes herhalten das als schlecht oder bedrohlich empfunden wird. “Ausländer” und “Fremde” sind schon fast Schimpfworte geworden, weil immer nur auf die negativen Seiten der Einwanderung eingegangen wird, ohne die positiven Aspekte zu sehen. Und das in einem Land wie der Schweiz die ganz besonders auf ausländisches Wissen und Arbeitskraft angewiesen ist, und ja selbst ein Beispiel für ein erfolgreiches multikulturelles Land ist ist .  Statt objektiv über Integration und demokratisches Zusammenleben zu diskutieren, wird aus Ausländern politisches Kapital geschlagen und Ängste geschürt. Ausländer, wie ich aus meiner eigenen Erfahrung weiss, sind ja schliesslich auch einfache Zielscheiben ohne Stimm- und Wahlrecht.

 

Die Abschaffung

Als Ausländer und Schweizer geht mir diese Thematik unter die Haut. Aber die Durchsetzungsinitiative geht noch einen Schritt weiter: Sie schafft die Gleichheit aller vor dem Rechtsstaat ab, indem sie Ausländer juristisch diskriminiert. Das ist nicht mehr nur fehlende Objektivität, sondern ein Abbruch der Fundamente meines Landes. Respektierung der Menschenwürde und demokratische Ordnung sind doch das was das Zusammenleben erst ausmachen. Insbesondere in der Schweiz, die ja eigentlich keine sprachliche oder kulturelle Einheit ist, sondern historisch immer eine Interessengemeinschaft war. Die Durchsetzungsinitiative will  eigentlich genau das Gegenteil dessen, was sie zu schützen vorgibt – sie will die Schweiz abschaffen.

Es ist schwer zu verstehen weshalb so eine Initiative überhaupt zur Abstimmung kommt, obwohl sie gegen so viele abgeschlossene Verträge und rechtliche Prinzipien verstösst. Aber da sie nun vorliegt  , muss man sie einfach in aller Deutlichkeit ablehnen. Ich jedenfalls werde das tun – als Ausländer und als Schweizer. Weil ich in allen Ländern in denen ich gewohnt und gearbeitet habe immer vor dem Gesetz gleich war wie alle anderen, und will dass das auch in meinem Land so bleibt.

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